Deutschland 4.0: Wir bauen Zukunft - digital und smart

Rede von Marcus Nachbauer, Vorsitzender der Bundesvereinigung Bauwirtschaft, anlässlich des 6. Deutschen Bauwirtschaftstages 2019 am 13. November 2019 in Berlin

Wir bauen Zukunft – digital und smart.
Wir, das sind rund 370.000 mittelständische Betriebe aus dem Bau- und Ausbaugewerbe, im Handwerk verwurzelt, meist Inhaber geführt, auf jeden Fall mittelständisch aufgestellt.

Wir bauen Deutschland – heute wie auch in Zukunft; denn der Beitrag unserer Betriebe zum Bruttoinlandsprodukt beträgt 4,2 % - das ist mehr als die Elektro- oder Autoindustrie zu leisten vermag.

Wenn wir über die Klimawende sprechen, so wird diese ohne die Bauwirtschaft, also ohne uns, nicht zu bewältigen sein. Denn rund 8 Mio. Wohngebäude müssen energetische saniert werden; sie stoßen zu viel CO2 aus.

Dieses spiegelt sich auch im Klimapaket der Bundesregierung wider; denn deutlich mehr Mittel sollen in die Förderung der energetischen Gebäudesanierung fließen, über eine direkte Förderung oder über eine steuerliche Abzugsfähigkeit. Das gilt sowohl für Komplettsanierungen wie auch für Einzelmaßnahmen.

Meine Damen und Herren,

darauf haben wir lange gewartet, es ist immerhin der dritte Anlauf, eine steuerliche Förderung umzusetzen. Eine monatelange Hängepartie wie bei der steuerlichen Förderung des Mietwohnungsbaus können wir uns nicht leisten. Dieses haben wir vergangene Woche in der Anhörung im Bundestag sehr deutlich gesagt.

Schon heute stellen wir Auftragsstornierungen im Bereich Heizungsbau in dreistelliger Millionenhöhe fest. Ehrlich gesagt, kann ich die Verbraucher ja verstehen: Warum soll ich mir heute eine neue Heizung einbauen, wenn ich für dieselbe Heizung im kommenden Jahr 20 %-Förderung bekomme?

Wir appellieren daher an Bundestag und Bundesrat, die Beschlussfassung nicht zu verzögern. Grundsätzlich ist die steuerliche Förderung der energetischen Gebäudesanierung ein wichtiger Schritt in die richtige Richtung, den wir sehr begrüßen. Er zielt auf das privat genutzte Eigentum, vor allem auf die Vielzahl der Ein- und Zweifamilienhäuser, die in die Jahre gekommen sind.

Betrachtet man die Zielgruppe der Vermieter, wird die Lage schon schwieriger: Es ist für uns unverständlich, dass über eine Verschärfung der Mietpreisbremse nachgedacht wird. Unverständlich ist auch, dass die Modernisierungsumlage von elf Prozent auf acht Prozent gekürzt wurde. Denn auch diese Wohnungsbestände müssen energetisch aufgerüstet werden.

Wer soll diese energetischen Sanierungen eigentlich bezahlen? Letztlich muss es darauf ankommen, alle Immobilienbesitzer in Deutschland zu überzeugen, in ihre Immobilien zu investieren. Dafür müssen sämtliche Investitionsbremsen gelöste werden – und die Mietpreisbremse ist eine solche Investitionsbremse.

Noch gravierender ist der sog. Mietendeckel, den Berlin gerade eingeführt hat. Bereits jetzt werden die Verwerfungen sichtbar. Wohnungsbaugesellschaften stornieren Aufträge, Investitionen werden auf die lange Bank geschoben, Sanierungspläne zurückgestellt.

Zwar ist der Neubau von diesem Mietendeckel ausgenommen, aber es soll keiner glauben, dass Investoren solche Maßnahmen ignorieren. Denn wer gibt ihnen die Garantie, dass der Mietendeckel nicht auch auf den Neubau ausgeweitet wird?

Meine Damen und Herren,

so lässt sich die Wohnungsnot in den Ballungsgebieten nicht beseitigen. Gegen zu wenig Wohnungen auf dem Markt gibt es nur ein wirksames Mittel, und das heißt: Bauen, bauen, bauen! Und wir könnten viel mehr und viel schneller bauen, wenn wir nicht durch immer neue Reglementierungen, immer detaillierte Vorschriften gehindert würden.

Schon heute dauern Planungsverfahren drei Mal so lang wie die eigentliche Bauzeit. Die sog. Mantelverordnung ist wahrlich ein politischer Leckerbissen für Insider.

Seit 15 Jahren diskutieren wir über eine Zusammenfassung verschiedenster Verordnungen, darunter die Ersatzbaustoff-Verordnung, die den Einsatz von Recyclingbaustoffen regelt.

Nach 15 Jahren gibt es den Entwurf einer Verordnung, zu der es im Bundesrat rund 300 Änderungsanträge gibt, mit denen sich keiner mehr ernsthaft befassen möchte. Würde die Mantelverordnung aber so Inkrafttreten, wie der Entwurf es vorsieht, müssten weitaus mehr Bauabfälle auf Deponien wandern und dürften nicht recycelt werden.

Auch geogen belasteter Erdaushub, also Boden, wie er z.B. in der Eifel seit Jahrtausenden vorkommen, käme als Sondermüll auf die Deponien.

Deponiekapazitäten haben wir aber ohnehin zu wenig; neue Deponien werden nicht mehr genehmigt. Daher werden viele Bauabfälle bereits heute nach Holland gebracht, wo sie liebend gern verwendet werden. Was für ein ökonomischer wie auch ökologischer Wahnsinn!

Meine Damen und Herren,

wir erleben ja gerade politisch spannende Zeiten, auch wenn sie nicht gerade von großer Stabilität zeugen. Unser Parteiensystem ist im Umbruch! Die Große Koalition zieht demnächst gemeinsam oder jeder für sich ihre Halbzeitbilanz.

Die SPD befindet sich weiterhin im freien Fall; ob sie nach der Wahl ihrer neuen Vorsitzenden und dem Parteitag im Dezember in der Koalition bleibt, ist derzeit völlig offen.

Das Wort Neuwahl im Frühjahr kursiert im politischen Berlin. Und schon wird über mögliche Kanzlerkandidaten bzw. -kandidatinnen diskutiert.

Daher sollen bis zum Jahresende noch ein paar Projekte abgearbeitet werden. Dazu gehört auch die Grundrente. Der SPD-Generalsekretär erklärt, die Zustimmung der SPD zur GroKo würde leichter fallen, wenn die Grundrente unter Dach und Fach wäre.

Erpressung?

Meine Damen und Herren,

ich frage Sie, wie sollen wir unseren Mitarbeitern erklären, dass sie jeden Morgen pünktlich auf der Baustelle erscheinen und arbeiten sollen, wenn es später im Leben eine Grundrente ohne jede Prüfung von Einkommen und Vermögen geben soll?

Ich verstehe die Logik einer solchen Politik nicht. Auch in diesem Jahr wird es wieder einen Haushaltsüberschuss geben, immerhin 4 Mrd. Euro. Der Bundesfinanzminister zeigt keine Bereitschaft, das Geld an diejenigen zurück zu geben, von denen es kommt, nämlich nach an die Steuerzahlerinnen und Steuerzahler in diesem Land.

Wo bleibt eine Steuerreform, die die Millionen Menschen, die Facharbeiter, Verkäufer, Krankenpfleger etc., die jeden Morgen zur Arbeit gehen, entlastet, die den Mittelstandsbauch endlich abschafft?

Wo bleibt also eine Unternehmenssteuerreform, die den Namen auch verdient? Wo bleibt die Entlastung der vielen Tausend Personenunternehmer durch die vollständige Abschaffung des Soli? Die im Übrigen auch unsere 3,2 Mio. Mitarbeiter entlasten würde.

Die Bundesregierung zeigt keine Anzeichen, ihre Politik zu verändern. Die Ausgabenpolitik wird fortgesetzt, als gäbe es kein Morgen. Ein Projekt steht auch der politischen To-do-Liste, auf das wir lange gewartet haben, das ist die Wiedereinführung der Meisterpflicht in wichtigen Bauberufen.

Hier ist die erste Lesung bereits über die Bühne gegangen. Jetzt heißt es Daumen drücken, dass zum einen alle Berufe in der zweiten und dritten Lesung auf der Liste bleiben, und dass zum anderen die parlamentarischen Beratungen so rechtzeitig abgeschlossen werden, dass der Bundesrat kurz vor Weihnachten noch darüber befinden kann.

Meine Damen und Herren,

das Klimaschutzpaket der Bundesregierung ist ein Investitionspaket, das zum richtigen Zeitpunkt kommt, wenn man auch über so manche Maßnahme die Stirn runzeln kann.

Denn die deutsche Wirtschaft stagniert. Viele Auguren sprechen gar von Rezession. Fast hat man den Eindruck, diese soll herbeigeredet werden. Der Lage der Gesamtwirtschaft zum Trotz läuft es in unserer Branche gut. Vor allem weil Deutschland eben nicht zu Ende gebaut ist, wie viele gedacht haben.

Jahrzehnte lang wurde viel zu wenig investiert - in Wohnungen, in die öffentliche Infrastruktur, in Kitas, Schulen, Turnhallen. Nun soll alles auf einmal erledigt werden, was natürlich nicht funktionieren kann. Die Zeiten, in denen Unternehmer sozusagen mit der Schaufel bei Fuß stehen, um an einen Auftrag zu kommen, sind vorbei. Wenn Sie heute ein neues Auto bestellen, erwarten Sie auch nicht, dass Sie es morgen gleich bekommen.

Und so ist das auch mit Bauaufträgen. So haben die Unternehmen Planungssicherheit und können ihre Kapazitäten den Aufträgen optimal anpassen. Der Investitionsschub, der durch das Klimapaket ausgelöst wird, stärkt die Binnenkonjunktur in Deutschland.

Die Bauwirtschaft ist wieder die Konjunkturlokomotive Nummer 1 im Land. Und angesichts der vor uns liegenden Bauaufgaben wird sie es noch mehrere Jahre bleiben.

Denn mit dem Klimapaket verbunden ist ja nicht nur die energetische Gebäudesanierung, sondern auch der Ausbau der Windkraftanlagen sowie der Bau von Leitungen, um den Strom von Nord nach Süd zu leiten.

Auch hier geht es insgesamt um ein Milliardenschweres Investitionsvolumen.

Diese Aufgabe lässt sich ebenfalls nicht von heute auf morgen erledigen, zumal viele Beteiligte, aufwändige Planungsverfahren und Rechtsstreitigkeiten ein schnelleres Ergebnis verhindern. Es sind eben nicht die Kapazitäten der Bauwirtschaft, die eine schnellere Umsetzung verhindern, wie viel zu oft suggeriert wird.

Liebe Gäste,

zur Klimawende gehört auch die Verkehrswende, obwohl ich dieses Wort eigentlich nicht verwenden möchte. Denn ich halte so manche Diskussion, die hier im politischen Berlin geführt wird, für realitätsfern.

Auch zukünftig werden wir Auto fahren und Baumaterialien nicht mit Lastenrädern transportieren. Davon bin ich überzeugt. Denn Elektro wird nicht die universelle Antriebsart werden. Zwar kommen nun erste Transporter und kleinere Baugeräte mit Elektroantrieb auf den Markt, aber wie hoch ist der Preis – und damit meine ich auch den ökologischen Preis? Für die Batterien, für die spätere Entsorgung?

Wir brauchen neben Elektro saubere Diesel, Gasfahrzeuge, Brennstoffzellen-Antriebe, und wir brauchen synthetische Kraftstoffe. Wir brauchen vor allem eine Innovationsoffensive und keine einseitige Festlegung auf einen technischen Standard.

Meine Damen und Herren,

auch wenn ich das Wort Verkehrswende nur ungern verwende, wird die Stärkung des Schienenverkehrs die unglaubliche Summe von rund 160 Mrd. Euro in den kommenden zehn Jahren in die Kasse der Bahn spülen, die in eine Aufrüstung der Bahn investiert werden sollen.

Aber wer soll diese Investitionen leisten? Ich sage: wir, die mittelständische Bauunternehmen vermögen das zu leisten. Denn wir bauen Zukunft. Wer Häuser und Wohnungen bauen kann, der kann auch Bahnhöfe sanieren; wer Straßen bauen kann, der kann auch Park&Ride-Plätze anlegen und Zufahrten ausbauen.

Sprich: An der Bauwirtschaft führt in diesem Zusammenhang kein Weg vorbei.

Trotz Stärkung der Bahn wird es weiterhin Individualverkehr geben. Und daher muss auch weiter in unser Straßennetz investiert werden. Das sieht die Bundesregierung zum Glück auch so. Denn der Investitionsetat für die Bundesfernstraßen steigt bis zum Jahr 2023 auf 8,7 Mrd. Euro jährlich an.

Mit der Autobahn GmbH, die im Januar 2021 ihre Tätigkeit aufnimmt, werden ÖPP-Projekte im Autobahnbau endgültig überflüssig. Aus der Erfahrung mit verschiedenen ÖPP-Projekten wissen wir, dass sie allesamt teurer werden, so dass der Ruf, der Bund solle Geld nachschießen, schnell ertönt. Aber, meine Damen und Herren, erste Gerichtsurteile weisen diesen Ruf zurück.

Wir bleiben dabei: ÖPP Projekte im Bundesfernstraßenbau sind teurer als bei herkömmlichen Vergaben; sie sind intransparent – und gehen am deutschen Mittelstand vorbei. Denn nur wenige große Konzerne können diese zum Teil milliardenschweren Projekte stemmen. Der deutsche Bau-Mittelstand baut seit Jahrzehnten die deutschen Straßen, Autobahnen inklusive. Warum sollte er das plötzlich nicht mehr können?

Und meine Damen und Herren,

der deutsche Bau-Mittelstand leistet rund 90 % des gesamten Wohnungsbaus in Deutschland – auch das seit Jahrzehnten. Daher können wir mit Fug und Recht behaupten: Wir bauen Zukunft. Und: wir können auch digital und smart. Die Digitalisierung in der Bauwirtschaft ist weiter fortgeschritten, als uns das nachgesagt wird.

Die elektronische Erfassung von Arbeitsstunden via Smartphone oder Tablet, das Führen einer elektronischen Bauakte, die Dokumentation von Baufortschritten per Foto inklusive, vorhandene Geodaten für Planung und Bau zu nutzen, RFID-Technik, die elektronische Steuerung des Maschineneinsatzes oder das vielzitierte papierlose Büro: Dieses und vieles mehr gehört heute bereits zum Alltag in unseren Unternehmen.

Die Baustellenlogistik, die umfassende Analyse und Auswertung von Geschäftsdaten gehören ebenfalls in diesen Zusammenhang. Die elektronische Ausschreibung ist mittlerweile fast schon Standard. Und natürlich darf BIM, also Building Information Modeling, in einer solchen Aufzählung nicht fehlen, obgleich es noch nicht zum Alltag gehört.

Aber BIM kann helfen, die Qualität der Planung zu verbessern, gilt doch der Grundsatz: Erst planen, dann bauen.

Zusammengefasst heißt das: Die Bauwirtschaft hat sich schon vor geraumer Zeit auf ihren Weg in die digitale Zukunft gemacht und ist – um im Bild zu bleiben – gut unterwegs.

Aber: Nicht jedes Unternehmen ist gleich weit gekommen und: Der Weg ist noch nicht zu Ende. Daher freuen wir uns auch darüber, dass fünf Start ups aus dem Baubereich unserer Einladung gefolgt sind und sich mit ihrem Angebot hier präsentieren.

Meine Damen und Herren,

wir können nicht nur digital. Unsere Unternehmen können auch smart.

Denn das Smart Home ist längst keine Zukunftsvision mehr.

Lassen Sie mich nur wenige Stichworte dazu nennen: das komplette Smart Home kann via Smartphone oder Tablet von jedem Ort der Welt aus gesteuert werden. Höchste Sicherheitsstandards, z.B. bei der Zutrittskontrolle via Gesichtserkennung können dabei sichergestellt werden, vor allem wenn es um Schließtechnik, Videoüberwachung oder aber die elektronische Transparenzsteuerung von Fensterscheiben geht.

Innovative Lichttechnik, vernetzte Küchengeräte, absenkbare Schränke, smarte Spiegel und elektronische Armaturen im Bad – alles scheint möglich und bietet für die Bewohnerinnen und Bewohner viele Vorteile. Dazu zählen auch altersgerechte Assistenzsysteme, wie z.B. ein Sensorfußboden mit Bewegungsmelder und ggf. Fernüberwachung, aber auch das sog. Inaktivitätsmonitoring inkl. Anbindung an eine Notrufzentrale.

Liebe Gäste,

Anbieter von technisch durchgestylten Smart Homes versprechen, dass wir 50.000 Handgriffe im Jahr weniger ausführen als derzeit, weil z.B. Rollläden und Beleuchtung automatisch gesteuert sind.

Ob das stimmt, vermag ich nicht abzuschätzen, in einem bin ich mir aber sicher: Smart Homes, Smart Meter, das Internet der Dinge sind für uns keine Fremdwörter; sie dürfen es auch nicht sein, wenn wir weiterhin am Markt bestehen wollen. Denn gerade hier schreitet die Digitalisierung mit rasanter Geschwindigkeit voran.

Zwar ist das Smart Home noch keine flächendeckende Realität. Aber immer mehr Bauherren lassen sich einzelne oder mehrere Bausteine des E-Homes einbauen.

Hier sind wir erst am Anfang des Weges.

Auch hier ist eines sicher: Wir werden zukünftig auch Smart Homes bauen.

Denn wir bauen Deutschland 4.0, wir bauen Zukunft – digital und smart.